Die Geburten

Ich bin eine Plaudertasche und schreibe auch gerne ausführlich. Daher beginne ich bei Wirbelwind schon einen Tag vor der Geburt. Ausgezählt war sie für den 18. Am 13. hatte ich den letzten planmäßigen Vorsorgetermin beim Frauenarzt. Weil mir das Geld fürs Parkhaus zu teuer war, parkte ich ein kleines Stück weiter weg – ich war ja noch fit und konnte laufen – in einer Seitenstraße. Das war übrigens noch, bevor wir ein Auto mit Einparkhilfe hatten. Und es kam, wie es wohl kommen musste: ich rammte ein geparktes Auto.

Als ehrlicher Mensch rief ich die Polizei an. Nach einleitenden Worten, bei denen ich auch den anstehenden Arzttermin erwähnte, verlief das Gespräch sinngemäß wie folgt: Polizist: „Es kommt dann jemand vorbei, es kann aber was länger dauern, weil viel los ist.“ Ich: „Tja, wissen Sie, ich habe den Termin beim Frauenarzt, weil ich schwanger bin.“ Polizist: „Wievielte Woche sind Sie denn?“ Ich: „Vierzigste.“ Er: „Oh!“ Überraschenderweise (oder auch nicht) 😉 kam dann doch recht zeitnah eine Streife und nahm den Unfall auf. Die Zeit bis zur Ankunft nutzte ich, um kurz zu Hause anzurufen, meinen Mann die Nummer vom Frauenarzt raus suchen zu lassen und dort Bescheid zu geben, dass ich später käme. Übrigens hatte das Ganze keine negativen Folgen für uns, da die Polizisten mir freundlicherweise die 35 Euro für eine Ordnungswidrigkeit erließen und der Mann, dessen Auto ich verbeult hatte, das wegen der vielen anderen bereits vorher vorhandenen Beulen gar nicht schlimm fand und im Gegenteil noch zur Geburt gratulierte.

Mein Mann und ich spielten am gleichen Abend bis spät nachts Computer, wie wir das damals gerne taten. Er hatte zum Glück in Erwartung der Geburt Urlaub bekommen. Etwa um drei Uhr nachts gingen wir schlafen. Keine fünf Minuten nach dem Hinlegen begannen die Wehen. Ich wartete erst einmal ab, aber es folgten weitere. Ich setzte meine Brille auf und maß die Abstände. Alle fünf Minuten. Also stupste ich meinen Mann an. „Ich habe Wehen!“ – „Schatz, Du weißt doch, was sie im Vorbereitungskurs gesagt haben: Erst wenn die Wehen im Abstand von zehn Minuten kommen, sollen wir los fahren.“ – „Sie kommen im Fünf-Minuten-Abstand!“ Widerwillig stand er wieder auf, bestand aber darauf, erst noch etwas zu essen und etwas mitzunehmen. Ich wollte nicht; mir war schlecht. Im Krankenhaus wurden ich an den Wehenschreiber angeschlossen und hörte im Kreißsaal nebenan eine Frau schreien. Hurra! Jetzt war ich auch noch nervös. Bei der anschließenden Untersuchung, als eine Schwester den Muttermund abtastete, meinte sie: „Kind, hast du viele Haare!“ Danach ging ich noch einmal auf Toilette und kam dann in den Kreißsaal, in dem die Wanne aufgestellt war. Ich wollte ja unbedingt eine Wassergeburt. Doof war nur, dass im Krankenhaus an der Elektronik gearbeitet wurde und alles auf Notstrom lief. Wir stellten die Wassertemperatur auf 50°C und bekamen lauwarmes Wasser. Nach einer Viertelstunde war mir so kalt, dass mir buchstäblich die Zähne klapperten. War wohl nix mit Wannengeburt.

Ich wurde danach in den Kreißsaal nebenan verlegt und weil ich von den Wehen brechen musste, bekam ich ein Beruhigungsmittel. Dadurch konnte ich zwischen den Wehen dösen. Mein armer Mann nicht; der war an diesem Tag lange lange wach. Überhaupt muss ich mal sagen, dass er seine Sache großartig gemacht und mich sehr unterstützt hat. Zur Beruhigung aller Frauen, die noch kein Kind bekommen haben: Dass einem von den Wehen übel wird, ist zwar nicht so ungewöhnlich, dass es die Hebamme beunruhigt hätte, aber es ist auch nicht die Regel. Dafür hatte ich keinerlei Schwangerschaftsübelkeit, ich Glückspilz! 🙂

Kennt ihr die Hörspielversion von „Harry Potter und der Halbblutprinz“? Achtung, Spoiler! Es gibt da eine Szene, wo jemand einen fiesen magischen Trank trinken muss – und es muss alles getrunken werden. Die Person sagt vorher, dass ihr Begleiter sie vermutlich nach ein paar Bechern dazu wird zwingen müssen, und so kommt es auch. Die Person jammert und klagt, dass sie nicht mehr kann und dass es so schrecklich ist, dass es endlich aufhören soll usw. Mein Mann hat mir später gestanden, dass ich während der Presswehen fast genauso klang. Und auch fast die gleichen Worte benutzt habe. Ich habe mir dann mal diese Stelle des Hörspiels angehört, das war echt gruselig.

Mein Mann war auch so schlau, mir nichts zu sagen, als die Hebamme oder Ärztin die Schere zückte, um einen Dammschnitt zu machen. Ich habe mir sagen lassen, dass das so eine Art Geflügelschere ist und auch so klingt beim Schneiden. Gut, dass ich davon nichts wusste.

Ach ja, während des Vorbereitungskurses hatte ich mal gesagt, dass man ja vor der Geburt einen Einlauf machen könne, damit man nicht die Peinlichkeit erleben muss, dass sich auch der Darm entleert beim Pressen. Die Hebamme, die den Kurs leitete, meinte nur lapidar, da hätte ich wirklich andere Dinge im Kopf und dass die Hebammen das gewohnt seien. Sie hatte recht. Es war mir im wahrsten Sinne des Wortes scheißegal, dass es mir aus allen Körperöffnungen kam.

Später bekam ich dann die Anweisung, meine Energie nicht aufs Brüllen zu verwenden, sondern ins Pressen. Als das Köpfchen draußen war, der Rest noch nicht, meinte ich dann, dass sich das sehr seltsam anfühlt, worauf mein Schatz erwiderte, dass es auch sehr seltsam aussähe. Vielen Dank. 😉

Und dann war unser Wirbelwind da und wurde von uns willkommen geheißen. Nur dass wir natürlich noch nicht wussten, dass es ein Wirbelwind sein würde. Da meine Schwiegermutter bereits Enkel hatte, habe ich nach einer Ruhepause zuerst meine Eltern angerufen. Die waren gerade auf dem Sprung zu einer Geburtstagsfeier, aber als mein Vater hörte, wie ich ihn am Telefon mit „Hallo, Opa!“ begrüßte, riefen sie dort an und sagten Bescheid, dass sie später kämen. Und dabei haben sie ca. eine Stunde Fahrt bis zu uns! Aber die Freunde hatten natürlich Verständnis.

Insgesamt hat es von der ersten Wehe bis zu dem Punkt, wo ich mein Kind in den Armen hielt, etwa neuneinhalb Stunden gedauert. Als mein Mann etwa eine halbe Stunde nach den ganzen Schmerzen und dem Geschrei fragte, ob ich jetzt immer noch bereit sei, ein zweites Kind zu bekommen, brauchte ich nicht lang zu überlegen. „Ja!“ Hormone sind was Feines! 😉 Und ja, sie hatte viele Haare, sehr dunkle, ca. 5 cm lange Haare, die allen Unkenrufen zum Trotz nicht ausgefallen sind, sondern peu a peu durch hellblonde ersetzt wurden.

Unser Sonnenscheinchen ließ es erst ganz gemütlich angehen und rührte sich nicht viel. Sie hat mir nur während der gesamten Schwangerschaft so sehr auf den Magen gedrückt, dass ich oft Hunger hatte, weil mein Magen voll, ich aber noch nicht satt war. Daher habe ich sehr gesund und nahrhaft gegessen, weil ich genau wusste, dass sich mein Magen durch Süßigkeiten zwar schnell füllen würde, ich aber überhaupt nicht davon satt würde. Dadurch ist mir das Kunststück gelungen, nur 4,5 Kilo zuzunehmen. Und das Kind wog 3700g … also kann man sich ja ausrechnen, dass ich danach schlanker war als vorher.

Kaum dass der errechnete Termin kam, konnte es ihr aber nicht schnell genug gehen. Die Wehen kamen gleich im Drei-Minuten-Takt. Um vier Uhr morgens ging es los. Wir riefen die Schwiegereltern an. Eigentlich hatten wir es uns so gedacht, dass sie auf der ausziehbaren Couch schlafen und sich am Morgen um unseren Wirbelwind kümmern, wenn sie aufwacht. Aber als sie bei uns ankamen, erfuhren wir, dass sie sie mitnehmen wollten. Also mussten wir sie wecken und anziehen. Erst gegen fünf Uhr konnten wir ins Auto steigen. Los ging es dann aber immer noch nicht, da es so saukalt war, dass die Windschutzscheibe dauernd wieder zu fror, bis es im Auto so warm war, dass nichts mehr auf der Scheibe gefrieren konnte. Wir waren gegen halb sechs bis viertel vor sechs im Krankenhaus, wenn ich mich recht erinnere. Das übliche Prozedere: an den Wehenschreiber. Diesmal hatte ich schon dort derart heftige Wehen, dass ich die Hand meines Mannes quetschen musste, was bei unserem Wirbelwind erst in der letzten Phase der Geburt so gewesen war. Ich hatte das Gefühl, dass wir sehr lange dort saßen, eine halbe Stunde oder mehr. Als die Hebamme dann den Wehenschreiber ablas, führte sie mich gar nicht erst in den Untersuchungsraum, sondern gleich in einen Kreißsaal. Hier dauerte es dann noch einmal, bis ich endlich auf dem Bett lag. Schuh aufmachen. Wehe veratmen. Schuh ausziehen. Wehe veratmen. Zweiten Schuh aufmachen. Wehe veratmen. Und so weiter. Natürlich fragte ich wieder, ob die Wanne frei sei.

Bei der Untersuchung des Muttermunds sagte die Hebamme dann: „Der ist schon komplett offen. In spätestens einer Viertelstunde halten Sie Ihr Kind im Arm. Da ist die Wanne noch lange nicht voll.“ Dafür durfte ich dann endlich pressen. Zum Glück stand die Hebamme neben mir und nicht direkt vor mir, denn beim ersten Pressen riss die Fruchtblase auf und das Fruchtwasser spritzte fast bis ans Fenster. 😀 Ich hörte meinen Mann und die Hebamme prusten und dachte mir noch: „In ein paar Tagen kann ich darüber bestimmt auch lachen.“ (Damit hatte ich recht.) Dann hatte ich links und rechts Ärztin (glaube ich) und Hebamme, die mir präzise Anweisungen erteilten („Hecheln, hecheln, jetzt pressen, und hecheln, Beine auseinander…“) Das klingt jetzt blöd, aber es war genau das, was ich brauchte, weil ich dann nicht auch noch denken musste. Hinter mir stand mein Mann und hielt meine Hände. Kurz bevor unser Sonnenschein auf die Welt kam, riss ich mir noch schnell den BH runter, damit ich sie gleich anlegen konnte.

Bei ihr hat das Ganze von der ersten Wehe an zweieinhalb Stunden gedauert. Wow. Meine Schwiegereltern konnten es kaum glauben, als mein Mann anrief und ihnen sagte, dass sie da sei. „Schon?“ Schließlich hatten sie uns gerade vor eineinhalb Stunden erst Tschüß gesagt.

Zum Schluss noch eine kleine Abhandlung über meine Hebammen, da es durch neuere Gesetze den selbstständig arbeitenden Hebammen furchtbar schwer gemacht wird, was ich eine Frechheit finde: Ich hatte insgesamt 6 oder 7 Hebammen:

  1. Die den Geburtsvorbereitungskurs gemacht hat
  2. Die mir bei Wirbelwind im Krankenhaus geholfen hat und ihre Schicht um etwa eine halbe Stunde verlängert hat, um bis zum Schluss bei mir zu sein – vielen Dank, ich habe das sehr zu schätzen gewusst!
  3. Meine erste Nachsorgehebamme
  4. Die Hebamme in meiner Frauenarztpraxis, die sich die Vorsorgetermine mit meiner Ärztin geteilt und mir die Telefonnummer meiner zweiten Nachsorgehebamme gegeben hat
  5. Die Hebamme, die den Geschwisterkurs für Kinder ab zwei Jahren gegeben und damit meinen Wirbelwind auf ihr Geschwisterchen vorbereitet hat
  6. Die Hebamme(n?) im Krankenhaus bei Sonnenscheins Geburt. Da das alles so schnell ging, kann ich gar nicht sagen, ob dort zwei Hebammen oder eine Hebamme und eine Ärztin anwesend waren.
  7. Meine wunderbare zweite Nachsorgehebamme, die ich jederzeit weiter empfehlen würde (und auch schon empfohlen habe). Ich hoffe, sie praktiziert noch, es wäre sonst ein Verlust für alle frisch gebackenen Mütter hier in der Gegend.

Mit Ausnahme meiner ersten Nachsorgehebamme (mehr dazu hier) bin ich mit allen Hebammen voll zufrieden gewesen und möchte sie nicht missen. Ich weiß nicht, wie ich das alles OHNE geschafft hätte. Ich will es mir eigentlich auch gar nicht vorstellen. Ich tue es trotzdem wegen diesem Blogartikel von Perlenmama und zwar hier.

Und daher sage ich: Es ist nicht in Ordnung, Beleghebammen mehr oder weniger abzuschaffen, besonders in Gegenden, wo fast alle Hebammen im Krankenhaus nicht fest angestellt sind. Mehr dazu hier vom Deutschen Hebammenverband (DHV). Und es geht GAR NICHT, dass unsere Hebammen abartig hohe Versicherungen selber zahlen sollen (siehe hier im SPIEGEL-Artikel), wenn sie selbstständig sind. Dann können viele nicht davon leben und hören auf, und wir Frauen können nicht mehr selber entscheiden, wo und wie wir gebären wollen. Ich persönlich habe mich ja für das Krankenhaus entschieden, wo Hebammen als Angestellte weniger Probleme haben, aber ich bin der Meinung, dass jede Frau das, sofern keine gesundheitlichen Gründe dagegen sprechen, selber entscheiden können soll. Hier gibt es zum Beispiel eine leider schon etwas ältere Petition.

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